Wenn Putin redet und Kissinger diniert

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Um Introspektion soll es bei der Dokumentation “Schlachtfeld Politik” gehen. Um die Interviewtechnik, wie ein Journalist die Aussagen aus seinem Gegenüber heraus bekommt, die er für die Dramaturgie seiner Geschichte benötigt. Das ist vor allem dann schwer, wenn eine Kamera das Gespräch begleitet. Jeder Journalist hat hier seine eigene Technik, zwei der bekanntesten Dokumentarfilmer Deutschlands gaben Einblicke in ihre Arbeitsweise.

Stephan Lamby und Hubert Seipel drehen seit Jahrzehnten Dokumentarfilme. Lamby beschäftigt sich viel mit deutscher Politik, Seipel thematisiert vornehmlich ausländische Inhalte. Beide sind sich bei der Frage, wie Politiker zum Reden zu bringen sind, einig: Die Interviews brauchen viel Zeit, meist mehr als zwei Stunden. Oft fallen die entscheidenden Sätze erst am Ende.

Wenn es um mehr als Floskeln und Phrasen gehe, dann brauche es einen ganz bestimmten Rahmen, sagt Stephan Lamby. Er dunkelt die Räume ab, stellt nur wenig Essen und Trinken bereit. „Es muss für beide Beteiligte auch körperlich anstrengend sein“, meint er. Lamby drehte zuletzt die ARD-Doku “Schlachtfeld Politik“. Da sprechen aktive und ehemalige Politiker über ihr Scheitern und das von Parteikollegen. Kurt Beck taucht im Film auf, auch Wolfgang Kubicki kommt zu Wort. Und auch wenn die Dokumentation kein Portrait geworden ist: Die Probleme bei der Gesprächsführung sind ähnlich: Wie viel Nähe lasse ich zu? Wie viel Raum zur Selbstdarstellung darf ich geben?

In besonderer Weise musste sich Hubert Seipel mit diesen Fragen in seiner aktuellen Dokumentation “Ich, Putin“ auseinandersetzen. Putin kann sich medial perfekt zu verkaufen, weiß Journalisten – das bestätigt Seipel – zu umgarnen und gibt sich charmant. Zwischenzeitlich kommt – auch bei den den Interviewsequenzen des Films – der Verdacht auf, es handle sich mehr um ein Selbstportrait als um den kritischen Blick eines westlichen Journalisten auf den mächtigsten Mann Russlands. Seipel nutzte, um diesem Eindruck zu begegnen, das Kontrast-Prinzip: anhand von Archivmaterial mit teilweise erschreckenden Aussagen Putins versucht der Filmer Putin zu entlarven. “Anders wäre es nicht gegangen“, sagt Seipel. Wenn man ein Portrait mache, so Seipel weiter, müstsen Sie ihrem Gesprächspartner Raum geben, sich darzustellen. Entscheidend sei es, diese Kontrastierung vorzunehmen – durch geschickte Fragen, oder eben mit Archivmaterial.

Auch Stephan Lamby hat viele Politikerportraits gemacht und berichtet anhand eines konkreten Beispiels über das Verhältnis von Nähe und Distanz. Jeder Journalist kann in eine solche Situation kommen. Vor einigen Jahren drehte er eine Dokumentation über Henry Kissinger. Dem ehemaligen US-Außenminister wird bis heute eine Mitschuld am Tod des chilenischen Staatschefs Salvador Allende vorgeworfen. Kissinger äußert sich dazu nicht, bricht in der Regel Interviews an diesem Punkt ab. Lamby wurde nun aber zu ihm nach Hause eingeladen, übernachten durfte er im Gästehaus und am ersten Abend gab es ein Festmahl. “Wir haben uns bestens verstanden, tranken gemeinsam Cognac“. Am zweiten Interviewtag aber stellte Lamby die Frage nach Allende. “Das gute Verhältnis brach sofort in sich zusammen“.

Das Gute daran, so ergänzt Hubert Seipel, man löse sich sowieso mit der Beendigung eines Projekts von den Personen, die darin eine Rolle spielten. Schließlich gebe es neue Aufgaben.

Die Langfassung von “Schlachtfeld Politik“ zeigt das NDR Fernsehen erstmals am 11. Juni 2012 um 22.30 Uhr.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.