Transparenz ist unerlässlich

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Grußwort des Intendanten des NDR, Lutz Marmor

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen – ich wünsche Ihnen einen guten Morgen!
Eine Begrüßungsrede hält man ja in aller Regel zu  Beginn einer Veranstaltung – nun haben Sie schon einen spannenden Tag hinter sich. Deswegen ist dies vielleicht ein kurzer Zwischenruf.

Es ist ja schon Tradition, dass Netzwerk Recherche hier in Hamburg beim NDR seine Jahrestagung abhält – ich freue mich, dass das auch in diesem Jahr so ist – es ist bereits das 10. Mal. Herzlich Willkommen zu Netzwerk Recherche, herzlich Willkommen im NDR!

Vor einem Jahr – die meisten von Ihnen erinnern sich daran – feierte Netzwerk Recherche sein 10-jähriges Bestehen. Jenseits interessanter Vorträge, Diskussionen und Erzählcafés gab es aber auch interne Auseinandersetzungen und negative Schlagzeilen über die zu Unrecht bezogenen Fördergelder. Ich möchte nicht verheimlichen, dass auch mir die Frage zugetragen wurde, ob wir vor dem Hintergrund solcher Unregelmäßigkeiten als NDR weiterhin Gastgeber für Netzwerk Recherche sein können und wollen.  Meine Position ist klar.
Unregelmäßigkeiten kann es in jedem Verein, in jeder Institution und in jedem Unternehmen geben. Ich weiß wovon ich rede – denken Sie an den Fall Doris Heinze. Zu Recht stand der NDR in der Kritik. Die entscheidende Frage ist aber in einer solchen Situation: Wie geht man damit um? Transparenz ist unerlässlich. Soweit ich das von außen beurteilen kann, ist Netzwerk Recherche offen und öffentlich mit der Kritik umgegangen. Sie haben sich neu aufgestellt – u.a. mit einem neuen Vorstand. Aus Fehlern muss man lernen, wer kritisch mit anderen umgeht, muss die gleichen Maßstäbe bei sich ansetzen.
Bei allem dürfen wir nicht vergessen, wie wichtig Netzwerk Recherche  – ein von ehrenamtlichen Mitgliedern getragener Verein – für den Journalismus ist. Ich freue mich, dass die Tagung von Journalisten für Journalisten ein fester Termin im Kalender vieler investigativer Kolleginnen und Kollegen geworden ist. Hier können Sie sich austauschen und verschiedenste Themen vor Publikum und hinter den Kulissen diskutieren. Und Netzwerk Recherche ist für viele junge Journalistinnen und Journalisten eine wichtige Institution, denn hier vertiefen sie einen Teil ihres Handwerkes und können wichtige Kontakte knüpfen.

Ich finde es  bemerkenswert, mit wie viel Engagement sich viele Mitarbeiter – auch vom NDR  – für diese Tagung einsetzen. Dafür möchte ich Ihnen ausdrücklich danken. Auch dies ist ein wichtiger Grund, das Netzwerk weiter zu unterstützen. Ich möchte Ihnen schon jetzt anbieten, auch im nächsten Jahr unser Gast zu sein.

Wie wichtig Recherche ist, brauche ich hier auf der Jahrestagung wahrlich nicht zu erzählen. Auch im NDR haben wir Recherche in den vergangenen Jahren intensiviert. Hörfunk, Fernsehen und Online arbeiten an allen Standorten erfolgreich zusammen:
Denken Sie an das Thema – „Die Paketsklaven“ – bei dem sich Reinhard Schädler ‚undercover‘ in die Szene eingeschleust und über die haarsträubenden Arbeitsbedingungen berichtet hat. Das war eine Dokumentation der Redaktion „45 min“ im NDR Fernsehen, die wir zur besten Sendezeit um 22 Uhr gebracht haben – Panorama hat im Ersten darüber berichtet.

Beim Hörfunkprogramm NDR Info fällt mir die umfangreiche Berichterstattung über den  Antibiotika-Einsatz in der Hähnchenmast ein – Landwirtschaftsministerin Aigner wird im Herbst als Konsequenz daraus die Bundesverordnung ändern.

Oder die Recherchen über die Hells Angels – seit 2 Jahren beschäftigen sich Kollegen des Landesfunkhauses Schleswig Holstein intensiv mit der Rockerszene. Zusammen mit Reportern des Landesfunkhaus Niedersachsen, Panorama und NDR  Info haben sie beachtliche Details herausbekommen. Das sind nur drei Beispiele für gelungene Recherchen im NDR.

Heute ist ein Tag, an dem Hamburg sehr wahrscheinlich Schlagzeilen machen wird. Nicht nur, weil Netzwerk Recherche hier tagt, sondern weil Hamburg im Mittelpunkt zahlreicher angekündigter Aktionen von Rechtsextremen steht. Und – das ist die gute Nachricht, weil es eine umfangreiche Gegenbewegung gibt, die die Stadt eint: Kirchen, Gewerkschaften und Unternehmerverbände, Vertreter alle demokratischen Parteien und  Prominente.

Die jahrelang unentdeckt gebliebene Zwickauer Neonazi-Zelle beschäftigt viele Menschen seit Bekanntwerden der Taten vor einem halben Jahr. Journalisten – auch vom NDR – recherchieren seitdem und haben verschiedene Ermittlungspannen aufgedeckt. Aber – wir müssen uns auch selbstkritisch fragen, warum ist nicht vorher jemand auf die Spur der Täter gekommen. Haben nicht auch wir zu wenig nachgefragt, als es um die Morde an ausländischen Mitbürgern ging? Was hätten wir besser machen können?

Um die schwierigen Erfahrungen mit der Recherche in der rechtsradikalen Szene geht es auch bei dieser Tagung. Einige Mitglieder des Netzwerkes sind heute nicht hier, sondern in der Innenstadt, um zu recherchieren oder zu berichten. Die Medien spielen bei diesem Thema eine wichtige Rolle, denn sie haben die Möglichkeit, Haltung zu zeigen. Das ist wichtig für unsere Gesellschaft und die Demokratie!

Der NDR ist in Hamburg nicht nur auf einer Bühne vertreten, auf der  über ‚Rechts‘ diskutiert wird, sondern heute startet im NDR auch ein trimediales Projekt im Zusammenhang mit rechter Gewalt. „Der Norden schaut hin – Die rechte Szene in Norddeutschland“. Darin geben die Kolleginnen und Kollegen einen Überblick in Hörfunk, Fernsehen und Online über rechte Übergriffe und Gegenaktionen von Menschen, die das nicht hinnehmen wollen. Dem Engagement von NDR Journalisten ist es zu verdanken, dass es dieses Projekt gibt. Ihnen, lieber Kuno Haberbusch, und allen die sich daran beteiligt haben, möchte ich herzlich für Ihren Einsatz danken!

Neben dem Schwerpunkt Rechtsextremismus greift die Tagung mit dem Titel: „Digi-Tal der Ahnungslosen – Recherche jenseits von Googeln und Mogeln“ – ein anderes Kernthema auf. Wie und wo beschaffe ich meine Informationen? Auch bei uns in der ARD ist das ein großes Thema. Bei der Tagesschau zum Beispiel sitzen Nachrichtenredakteure im sogenannten „Content Center“, die über soziale Netzwerke nach Bildern und Informationen suchen, wenn es mit der Informationsbeschaffung schwierig ist. Journalistische Standards und vor allem die sorgfältige Überprüfung der Echtheit von Informationen haben dabei höchste Priorität. Gerade bei der Berichterstattung über den arabischen Frühling war das „Content Center“ eine wichtige Einrichtung. So können Medien erfolgreich soziale Netzwerke nutzen!
Als ich vor zwei Jahren an dieser Stelle bei Netzwerk Recherche gesprochen habe, da habe ich Ihnen von der geplanten Klage der Verleger gegen die Tagesschau-App berichtet. Heute – zwei Jahre danach – ist dieses Kapitel noch immer nicht abgeschlossen.

Würde ich heute wieder über das Thema Tagesschau-App sprechen – wäre es schon zum dritten Mal. Ehrlich gesagt möchte ich es nicht schon wieder tun. Sie kennen den Stand aus den Medien – und ich möchte nur so viel sagen: dem Prozess sehe ich mit Gelassenheit entgegen. Die ARD ist selbstverständlich weiterhin gesprächsbereit, um Bündnisse der Qualitätsmedien zu schließen. Dabei möchte ich es heute belassen – jeder der sich für dieses Thema interessiert, kann mich gern darauf ansprechen.

Was bewegt die Medienwelt derzeit noch? Als ich das Programm von Netzwerk Recherche angesehen habe, ist mir natürlich auch das Thema Frauenquote aufgefallen.
Für DAX-Unternehmen und andere große Arbeitgeber wird die Frauenquote ja schon lange diskutiert. Von den Medien versteht sich. Dass gerade in unserer Branche der Anteil an Frauen in Spitzenpositionen häufig gering ist, stellt uns kein gutes Zeugnis aus. Umso wichtiger ist es, dass der Verein Pro Quote das Thema speziell für die Medien ins Scheinwerferlicht gerückt hat. Ich finde das sehr gut!

Auch wir müssen in Bezug auf den Anteil von Frauen in Führungspositionen nachlegen. Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist Teil der NDR-Unternehmenskultur. Im NDR gibt es eine Reihe von Frauen in Führungspositionen, auch auf höchster Direktionsebene, aber wir können noch besser werden.
Es ist immer eine auch Frage der Rechnung – aber im NDR sind 34 Prozent Frauen in den drei höchsten Vergütungsgruppen. Wenn man es allerdings auf den Kern – also Führung im engeren Sinne bezieht, dann müssen auch wir besser werden. Mir liegt sehr viel an diesem Thema – wir werden weiter daran arbeiten!

Liebe Kolleginnen und Kollegen – ich hoffe, Sie fühlen sich wohl im NDR. An dieser Stelle möchte ich gern allen danken, die diese Tagung möglich machen: den Kolleginnen und Kollegen von Technik und Verwaltung und dem Service-Team. Ich wünsche Ihnen weiterhin eine erfolgreiche Tagung mit guten Gesprächen, interessanten Diskussionen und neuen Erkenntnissen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.