Liegt die Zukunft des Dokumentarfilms im Kino ?

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Dinkelbrot und roter Rettich

Der Erfolg des Dokumentarfilmers Valentin Thurn

 

Eine schummrig beleuchtete Straße. Zwei Männer  klettern über einen Zaun, öffnen eine Mülltonne – und tauchen ab. Sekunden später kommen sie an die Oberfläche zurück. Sie  haben  Beute gemacht: Dinkelbrot, roter Rettich. „Ich muss nicht mehr einkaufen. Alle zwei Wochen mal sowas wie Olivenöl. Alles andere holen wir uns aus dem, was andere wegschmeißen. Gemüse, Reis, Obst – wir haben, was wir brauchen“, sagt einer der Müll“taucher“.

 

So beginnt Valentin Thurns Erfolgsfilm von 2011: „Taste the Waste“. Als einer der Ersten thematisierte er die Lebensmittelverschwendung in Deutschland. Inzwischen ist daraus eine regelrechte Kampagne entstanden, der sich auch die Regierung angeschlossen hat. „Das war von Anfang an mein Ziel: Etwas in der Gesellschaft erreichen. Ein relevantes Thema ansprechen. Und genau dafür braucht man als Dokumentarfilmer oft das Kino“, sagt Thurn.

Zunächst sollte eigentlich nur ein Dokumentarfilm für die ARD-Themenwoche „Essen ist Leben“ entstehen. 45 Minuten lang, viele Fakten, schnelle Schnitte, Experten. Prinzipiell erschien das Thema für die große Leinwand zwar geeignet, aber der Erfolg im Kino war zunächst eher ungewiss.

„Der politische Widerhall, den die TV-Ausstrahlung nach sich zog,  hat sehr geholfen, den Film in die Kinos zu bringen“, meint  Thurn. Offenbar waren viele Zuschauer über das  Ausmaß des Problems überrascht. Nach der Ausstrahlung der Doku in der ARD gab Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner eine umfassende, deutschlandweite Studie in Auftrag. Und „Taste the Waste“ kam in die Kinos.

Der  Schnitt für die 45minütige TV Fassung dauerte etwa vier Wochen, die  Kinofassung brauchte drei Monate. „Hätten wir den Film nicht unbedingt auf die Berlinale bringen wollen, hätten wir auch gerne noch einen Monat länger geschnitten.“ Thurn über den Unterschied zwischen Kino und TV-Fassung:  „Das Kino hat eine völlig andere Bildsprache. Es werden zwar oft weniger Informationen vermittelt, aber es bleibt mehr hängen. Die Wirkung ist nochmal um ein vielfaches größer.“

Trotzdem sehen Thurn und ein Großteil des Publikums die Zukunft des Dokumentarfilms  weiter im Fernsehbereich. Die Gründe liegen dabei vor allem im Geld.  Bei Dokumentarfilmen reichten die Mittel der Filmförderung so gut wie nie aus.  Ohne die Unterstützung der Fernsehanstalten könnten die meisten Produktionen deshalb nicht verwirklicht  werden. „Eine strikte Trennung zwischen Fernsehen und Kino ist kaum möglich“, erklärt Thurn. Denn auch ein erfolgreicher Film wie „Taste the Waste“ mit  120.000 Kinobesuchern wirft wenig Gewinn ab. Die meisten Dokumentarfilme sehen  kaum mehr als 20.000 Zuschauer.

 

Kommentare

  1. Wolfgang Bergmann (Lichtfilm) schreibt:

    4. Juni 2012 um 08:43(#)

    Natürlich brauchen Dokumentarfilmer das Fernsehen, und nicht nur das öffentlich-rechtliche als Partner. Aber der Finanzierungsanteil der Anstalten geht fließend zurück. Von 12 auf augenblicklich 7%. Die Eigenanteile der Produzenten steigen bis auf 80 und 100.000 Euro pro Film. Dieses Geld muss zurückgespielt werden, sonst gibt es bald keine produzenten mehr. Es ist deshalb schwer verständlich, warum Filme mit über 100.000 Besuchern für den produzenten keinen oder kaum Gewinn bringen. Da ist etwas faul und darüber muss gesprochen werden.
    Beste Grüße
    Wolfgang Bergmann

  2. Valentin Thurn schreibt:

    4. Juni 2012 um 09:17(#)

    Lieber Wolfgang,
    wie Recht du hast. Wir waren über die erste Abrechnung des Kinoverleihs geschockt und haben dann im Gespräch mit Kollegen festgestellt, dass die Produzenten fast überall in der Republik auf die eine oder andere Weise über den Tisch gezogen wurden und der Gewinn der Kinoauswertung fast komplett von den Verleihern eingesackt wird. Das ist ein Thema das gemeinsame Aktion erfordert.
    Besten Gruß,
    Valentin

  3. Thomas Tielsch schreibt:

    4. Juni 2012 um 11:25(#)

    Lieber Valentin,
    da fährst Du aber gegenüber W-Film schwere Geschütze auf. Du implizierst ja, dass sie Dich über den Tisch ziehen, und das solltest Du, auch angesichts der Tatsache, dass es nicht allzuviel Auswahl bei den Verleihern für Dokumentarfilm in Deutschland gibt, etwas näher beleuchten, wenn Du es schon in die Welt setzt, meinst Du nicht? Besonders, wenn Du “gemeinsame Aktion” forderst.
    Viele Grüsse th

  4. Stephan Winkler schreibt:

    5. Juni 2012 um 04:59(#)

    Lieber Wolfgang, lieber Valentin,

    für die Kürzungen bei den TV-Sendern sind die Verleiher nicht verantwortlich, für eine erfolgreiche Kinoauswertung sehr wohl. Mit über 100.000 Zuschauern haben wir im Fall “Taste the Waste” ein sehr gutes Ergebnis erzielt. Und dies bei geringstmöglichen Verleihvorkosten und nicht zuletzt dank der Unterstützung durch das BKM und die Film- und Medienstiftung NRW, an die wir die Förderung von 20.000 EURO kürzlich zurückgezahlt haben.

    Die Produktion hat mit der ersten Abrechnung einen fünfstelligen Betrag erhalten, nicht eingerechnet die Honorarkosten des Regisseurs für Vorstellungen im Rahmen der Kinotour. Von einer Bereicherung des Verleihs kann nicht die Rede sein. Es sollte besser diskutiert werden, welchen Anteil der Filmverleih an einer erfolgreichen Kinoauswertung trägt. Das scheint häufig weder bedacht noch eingerechnet zu werden.

    Wir bringen mit Leidenschaft Filme ins Kino, deren Erfolg keineswegs kalkulierbar ist. Ohne diese Liebe zum Film und die Bereitschaft zum Risiko, die wir mit vielen Kollegen teilen, wäre die Kinolandschaft nicht so lebendig und vielseitig. Wir bedauern daher das Unverständnis unserer Partner für unsere Arbeit sehr.

    Beste Grüße
    Stephan Winkler / W-film

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.