Korrespondenten gegen Esel mit Burka

Samstag, 2. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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Berichten die deutschen Medien zu wenig über das Ausland? Sind die Artikel voller Klischees? Zwei Korrespondentinnen haben nicht immer gute Erfahrungen gemacht und finden, dass sich Zeitungen mehr für die Welt interessieren sollten

Die Zeitungen berichten zu wenig über das Ausland.  Die wenigen  Artikel sind oft voller Klischees. Diese  Vorwürfe erhoben  die beiden Referentinnen der Diskussionsrunde „Du sollst dir (k)ein Bildnis machen“. Friederike Böge ist Politikredakteurin bei der Financial Times Deutschland und war bis vor kurzem freie Afghanistan-Korrespondentin. Gemma Pörzgen ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt  Osteuropa und hat als Korrespondentin in Belgrad und Israel gearbeitet.

Die Berichte aus dem Ausland gäben immer häufiger einen  deutschen Blickwinkel wieder, sagt Pörzgen.  Ohne Deutsche unter den Opfern wäre über die Tsunami-Katastrophe 2004 weniger zu erfahren gewesen. „Es ist die Pflicht der Berichterstattung, ihre Auswahlkriterien zu überprüfen“, fordert Pörzgen.

Journalisten in der Pflicht

In der Afghanistan-Berichterstattung  hielten sich deutsche Journalisten nach  Böges Ansicht  zu häufig an deutsche Quellen – allen voran das Auswärtige Amt und die Bundeswehr. Dadurch rückten  militärische Aspekte in den Vordergrund,  innenpolitische Aspekte kämen zu kurz.  Die Berichterstatter sollten  ihrer Ansicht nach aus der Perspektive der „embedded Journalists“ ausbrechen. Ein „Esel mit Burka“, wie Bundeswehrsoldaten eine Afghanin am Wegesrand beschreiben,  könnte etwa die Grundlage für eine eigene Geschichte werden.

Voraussetzung dafür ist aber eine gute Vorbereitung.  „Die Inhaftierung der BILD-Journalisten im Iran im vergangenen Jahr war ein Paradebeispiel für fehlende Vorbereitung“, sagt Pörzgen, die Entscheidung der Redaktion, sie  dorthin zu schicken fahrlässig.

Zusammenarbeit mit der Redaktion

Als Korrespondentin erhalte man Aufträge für Artikel,  die Nachrichtenagenturen bereits recherchiert haben, berichtet  Böge. „Es lohnt sich, auch mal nein zu sagen.“  Stattdessen sollten Korrespondenten lieber Geschichten schreiben, die “quer laufen” und die unbekannte  Aspekte eines Landes zeigen.

Die geringe Zahl von Auslandsberichten sei eine Entscheidung der Redaktionen, die dem Interesse der Leser widerspreche, sagte Pörzgen.   „Ich  wünsche mir, dass mehr Leser die Veränderungen bei der Auslandsberichterstattung registrieren und ihrem Unbehagen Ausdruck verleihen.“

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.