Eine seltsame „Familie“

Freitag, 1. Juni 2012 | Veranstaltung im Programm
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“Könnt Ihr ein bisschen aufrücken?” Der Konferenzraum K1 hat sich nach der Mittagspause gefüllt. In der ersten Reihe wurde ein Plätzchen gesucht für Uli Honeß, den Präsidenten des mächtigen FC Bayern. Die Verleihung der “Verschlossenen Auster” durch die Journalistenvereinigung netzwerk recherche ist traditionell einer der Höhepunkte der zweitägigen Jahrestagungen in Hamburg.  Im Jahr der Europameisterschaft ging der Preis für “Informationsblockierer” an den Weltfußballverband und besonders an dessen Präsidenten, Sepp Blatter.

Nach diversen Korruptionsfällen sprechen viele von Gangstern im Gentlemen-Club, während Blatter seine Organisation beinahe liebevoll “Familie” nennt. “Die FIFA hat in den vergangenen Jahren alle Versuche kritischer Journalisten, über Korruption und Ungereimtheiten bei der Postenvergabe zu recherchieren, abgeblockt”, sagte Oliver Schröm, Vorsitzender von netzwerk recherche, zur Jurybegründung. “Gerichtsverfahren werden gegen Millionenzahlungen der FIFA eingestellt, gegen eine Offenlegung der entsprechenden Gerichtsbeschlüsse wehrt sich Blatter weiter mit allen Mitteln. Die jetzt beim FIFA-Kongress in Budapest verkündeten Maßnahmen in Sachen Ethik und Compliance seien nur Kosmetik, so Schröm weiter. Das zeige sich schon daran, dass sie lediglich in Zukunft gelten sollen und keinesfalls die kritische Aufarbeitung der Vergangenheit geplant sei.

Die Laudatio hielt mit Roland Rino Büchel ein gewissermaßen zum Paulus gewandelter, ehemaliger FIFA-Marketing-Manager. Die Weltfußballorganisation sei eine verschlossene Auster mit einer großen und dreiundzwanzig kleinen Perlen, die das milliardenschwere Geschäft mit dem Fußball wie ein multinationaler Konzern betreiben würden. Büchel ist heute Schweizer Nationalrat für die Schweizerische Volkspartei (SVP) und  initiierte einen parlamentarischen “Auftrag an das Sportministerium, die Korruptionsprobleme im Sport resolut anzupacken und Lösungen zu präsentieren.” Dies wurde im Nationalrat ohne eine einzige Gegenstimme angenommen. Auch der Europarat hat sich vor wenigen Wochen der Causa FIFA angenommen und eine Resolution verabschiedet, die “zu einem vernichtenden Urteil” komme.

Roland Rino Büchel wörtlich: Der Europarat verlangt, dass im Gentlemen’s Club ein für alle Mal aufgeräumt wird und stellt sogar die Wahl dessen Oberhauptes zur Diskussion. Was schreibt Europa zur Korruption innerhalb der Institution? Ich zitiere aus der Resolution, die fast einstimmig verabschiedet wurde: “Selbstregulierung ist sehr wichtig. Aber wenn die Probleme nicht aufhören, sollten Regierungen einschreiten. Autonomie ist für die Interessen des Sports da, nicht für die Interessen von skrupellosen Individuen“, lauten die unmissverständlichen Worte aus Strassburg.

Selbst bereits vor vier Jahren gerichtsfest bewiesene Schmiergeldzahlungen von mehr als 140 Millionen Franken, die zum Großteil an Spitzenfunktionäre der FIFA gingen, hätten an Blatters Selbstverständnis nicht viel geändert. “Dass dieser von Demokratie nicht viel hält, ist augenscheinlich”, so der Laudator. Als Beispiel nannte Büchel das weiterhin völlig intransparente System von Löhnen, Aufwandsentschädigungen und Boni bei der FIFA. “Im letzten Jahr schüttete die FIFA 96,8 Millionen Dollar an Löhnen, Zahlungen an Ehrenamtliche und Boni aus – nicht übel für einen nicht gewinnorientierten Verein mit extremen steuerlichen Privilegien und einem ideellen Zweck.” Anstatt kritische Medien-Anfragen zu diesem Thema zu beantworten, belohne die FIFA lieber positive Berichterstattung.

Die FIFA blieb der Verleihung fern, schickte jedoch eine launige Botschaft ihres Kommunikationsdirektors Walter De Gregorio, die darauf abzielte, dass sich die Organisation inzwischen gewandelt habe. Der Preis käme also verspätet, De Gregorio höhnt  in dem Schreiben: “Es geht in der Regel eine Weile, bis auch Recherchierjournalisten das merken. Die Austern im Kopf bleiben oft über das Verfalldatum hinaus geschlossen.”

Kuno Haberbusch von netzwerk recherche hatte in seiner Anmoderation der Verleihung betont, dass es wie in jedem Jahr einige Kandidaten in die engere Wahl des Negativpreises geschafft hätten. Etwa der Bertelsmann-Konzern, die BILD-Zeitung – dort würden Journalistenanfragen in einem”Toten Briefkasten” landen – oder auch die Landesregierung von Sachsen.

Der Kritik-Preis wird in diesem Jahr zum elften Mal verliehen. Er steht als mahnendes Symbol für mangelnde Offenheit und Behinderung der Pressefreiheit von Personen oder Organisationen gegenüber den Medien. Die Preisträger erhalten zur Erinnerung und als Mahnung zur Besserung eine Skulptur des Marburger Künstlers Ulrich Behner aus reinem Schiefer. Die ausgezeichneten Preisträger erhalten das Recht auf Gegenrede oder Stellungnahme vor der Jahreskonferenz von netzwerk recherche, an der in diesem Jahr mehr als 800 Medienvertreter teilnehmen.

Preisträger der vergangenen Jahre waren der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily, der Lebensmittelkonzern Aldi, die Hypo-Vereinsbank (stellvertretend für die DAX-Unternehmen), der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der damalige Chef der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn, der damalige russische Präsident Wladimir Putin, das Internationale Olympische Komitee, der Bundesverband deutscher Banken und die Deutsche Bischofskonferenz.

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Über die Dokumentation

Die Dokumentation der Jahreskonferenz 2012 von netzwerk recherche erscheint in diesem Jahr in Form eines Blogs. Berichte, Fotos, Videos und Podcasts werden während der Konferenz zusammengetragen und eingestellt.

Erstellt wurde die Dokumentation von Studentinnen und Studenten der Deutschen Journalistenschule in München, Stipendiaten der JONA (Journalistische Nachwuchsförderung) der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Studienstipendienprogramm "Medienvielfalt, anders" der Heinrich Böll-Stiftung, Journalistik-Student/innen der Katholischen Universität Eichstätt, Volontärinnen und Volontäre aus Bremen – von den Bremer Tageszeitungen, dem Stader Tageblatt und Radio Bremen, Studenten des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.
Unterstützt wurde die Konferenzorganisation auch von Volontärinnen und Volontären des NDR und aus den WAZ-Redaktionen.